Annie Wilsch-Harnack

Westfälische Zeitung und Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 11. Mai 2006

Wohl tausend Kinder erfuhren körpereigenen Rhythmus im Unterricht mit Annie Wilsch-Harnack
Tanzen: Wohlfühlen statt vorführen

Nun geht sie: Tanzpädagogin Annie Wilsch-Harnack - hier nach einer Aufführung mit den kleinen Tänzerinnen - verlässt Lünen und zieht ins Schwabenland.  (Foto: Günter Blaszczyck)

Von Barbara Höpping

Lünen. Als sie vor rund 23 Jahren von Paris nach Brambauer - der Liebe wegen - kam, war das „ein Kulturschock", sagt die heute 47-jährige Annie Wilsch-Harnack. Die Tanzpädagogin hat ihn auf sehr kreative und aktive Weise überwunden, doch am 13. Mai, so sagt die zierliche Französin im besten Deutsch: „Ist das Kapitel Lünen beendet."

Es gibt noch eine Abschiedsaufführung im Gymnasium Altlünen. Dann zieht sie ins Schwabenland und hinterlässt hier viele, viele „Anni-Kinder", denen sie auf ihre ganz besondere Art, Gefühl für Bewegung und den eige­nen Körper vermittelt hat.
„Wohlfühlen nicht vorführen" formuliert sie ihr Zauberwort, das wohl an die tausend kleine Jungen und Mädchen und deren Eltern in all den Jahren zu ihren Jüngern gemacht hat. Annie Wilsch-Harnacks Methode stieß entweder auf absolute Ablehnung oder fand hingebungsvolle Zustimmung.
Sie gab ihren Unterricht an immer wieder neuen Orten, wollte nie eine „Ballettschule" gründen. Trippelnde Tü-tü-Mädchen und gezierte Bewegungen sind nicht ihr Ding gewesen. Auch, wenn sie von ihren kleinen Schülerinnen und Schülern vor Aufführungen nervend gründlich Perfektion verlangte bis es klappte. Intention war hier weniger die Vorführung vor Publikum als vielmehr das Lernen „etwas zu Ende zu bringen".
Dass die Mutter von drei Kindern ihr schönes Haus mit dem großen Garten an der Augustastraße verlässt, um woanders wieder neu anzufangen, hat mit dieser Konse­quenz zu tun, denn ihr Mann - er kam aus Brambauer - starb erst kürzlich.
Etwa 1993 hatte Annie Wilsch-Harnack begonnen, sich als Tanzpädagogin in Lünen einen Namen zu ma­chen. Mit ihrem Unterricht in der Musikschule fing es an. Als die Räume in der Florianstraße aufgegeben wurden, fanden sie und ihre Kinder in einer physiotherapeutischen Praxis Raum und später im Kolpinghaus. Als es abgerissen wurde, musste Annie Wilsch-Harnack wieder auf Herbergssuche gehen und fand sie in einem Privat-Studio in Altlünen.
Trotz des ständigen Ortswechsels   blieb   die   Kinderschar und wuchs sogar. Mittlerweile hatte sich die Lehrerin intensiv mit Yoga beschäftigt, es in der Schweiz gelernt und in ihre Pädagogik integriert. Sogar die Victoria-Grundschule engagierte Annie für den Unterricht. „Es war wunderbar, wenn sich die größten Rabauken am Ende ruhig hinlegten und die Augen schlossen", erzählt sie.
Die Anhängerschar erweiterte sich auch auf Erwachsene, die den ganzheitlichen Ansatz der deutschen Französin schätzten. Sie sind traurig, dass Annie Wilsch-Harnack sie nun verlässt, haben aber so viel gelernt, dass sie selber weitermachen wollen. Genau damit hat die zierliche Lehrerin ihr Ziel erreicht. „Sie hat hier etwas gesät", sagt ein Vater, dessen Tochter sieben Jahre lang zu „Annis Kindern" gehörte. Nun ist die Zeit reif für die Ernte.